Durch die Eisenzeit auf den höchsten Berg Deutschlands

Diese Eisenzeit hat nichts mit der allseits bekannten frühgeschichtlichen Epoche zu tun. Es handelt sich in diesem Fall um eine alpine Kletterroute durch die Nordwand auf die Zugspitze. Doch woher kommt dieser Name? Gibt es doch einen historischen Hintergrund? Ja, den gibt es wohl.

Die Route Eisenzeit in der heutigen Form wurde erst in den Jahren 2013-2014 von einheimischen Bergführern erschlossen und auf diesen Namen „getauft“. Sie entstand nicht nach einer klassischen Erstbegehung, vielmehr war es die Wiederentdeckung eines alten Steiges aus der Bauzeit der Zugspitz Zahnradbahn. In den Jahren 1928-1930 wurde die Zugspitze von Garmisch bis zum Schneefernerhaus mit dem Bau der Zahnradbahn erschlossen. Die Eisenzeit folgt im unteren Drittel dem Tunnelbauersteig der Erschließer. So findet man auch zahlreiche Überbleibsel aus dieser Zeit. Die Stahlseile und Leitern sind fast hundert Jahre alt und somit auch mit äußerster Vorsicht zu genießen. Sogar alte Bierflaschen sind zu finden, die den Arbeitern arbeitsvertraglich zugestanden haben.

Samstag, 17.11.2018, 06:45 Uhr – Wir (Marco und Armin) stehen mit unserer Kletterbekanntschaft Kathi aus München an der Talstation Eibsee der Zugspitz Zahnradbahn. Die Lichter der neuen Seilbahn Bergstation lassen uns in der Dunkelheit die Größe der Nordwand und die Länge der vor uns liegenden Strecke erahnen. Uns erwarten knapp 1000 Höhenmeter bis zum Einstieg der Kletterroute auf 1890 Meter und dann weitere 1200 Klettermeter -teils in Schnee und Eis- bis zum höchsten Gipfel Deutschlands auf 2962 Meter. Die letzte Talfahrt der Zahnradbahn erfolgt um 16:15 Uhr. Unsere Taktik ist somit klar definiert. Keine unnötige Zeit vergeuden, schnell und sicher vorankommen. Von Anfang an legen wir ein ordentliches Tempo vor, die tiefen Minusgrade und das Frieren beim Packen unserer Ausrüstung sind schnell vergessen. Für dieses Wochenende ist bestes und vor allem stabiles Bergwetter vorausgesagt aber es war uns bewusst, dass wir von der vielen Sonne in der Nordwand nichts abkriegen würden. Nach 90 Minuten passieren wir die Bahnstation Riffelriss und eine halbe Stunde später haben wir den Einstieg der Kletterroute erreicht. Nach einer kurzen Trinkpause und dem Anlegen der Kletterausrüstung geht es zunächst in weglosem Gehlände im 1. und 2. Schwierigkeitgrad mit dem Tunnelbauersteig los. Schnell wird das Gelände ausgesetzt aber eine Seilversicherung kommt in diesem Bereich noch lange nicht in Frage. Sicherungsmöglichkeiten sind sowieso kaum vorhanden und es würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und seilfreies Gehen bzw. Klettern sind hier gefordert. Man darf nicht vergessen, dass in diesem Gelände einmal Schwerstarbeit geleistet wurde. Und das Tag und Nacht, im Sommer wie auch im Winter. Wahnsinn! Es gibt generell nicht viele (Bohr-) Haken in der Eisenzeit aber für eine alpine Kletterroute sind sie ausreichend und auch gut platziert. Ganz selten müssen wir zusätzlich mobile Sicherungmittel einsetzen. Die Wegfindung bereitet uns bis auf wenige Ausnahmen keine Probleme. Die Route hat einen logischen Verlauf und unsere Topo stimmt exakt mit der Realität überein. Trotzdem muss man aber schon hoch konzentriert auf die Wegspuren achten. Manchmal erweist uns die GPS Technik auch wertvolle Dienste.

Die Relikte aus der Tunnelbauerzeit geben einem die Gewissheit, dass man noch auf Kurs ist. Sprenghäuschen, Strommasten, Eisenschrott in den verschiedensten Ausführungen und die Harakiri Leitern. Ach ja, die Harakiri Leitern. Allein beim Anblick dieser wird uns klar, warum sie diesen Namen tragen. Schon nach den ersten Sprossen ziehen wir es vor, die Leiter nicht mit unserem vollen Körpergewicht zu belasten. Die Griffe und Tritte des Felsen erscheinen uns zuverlässiger. Generell darf man den vorhandenen Stahlseilen und den Leitern kein Vertrauen schenken. Einmal ist mir sogar ein Stahlseil in der Hand auseinandergebrochen. Die Eisenzeit ist kein Klettersteig! Wir kommen weiterhin gut voran und erreichen die erste kurze Schlüsselstelle im 4. Schwierigkeitgrad welche auch noch seilfrei überwunden werden muss. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass nach dieser Steilstufe ein Bohrhaken vorhanden ist. Die Erschließer haben die Haken bewusst so gesetzt, damit sie ihre Kunden bequem nachsichern können. Nach zwei weiteren Leitern erreichen wir den Stollen mit seinen vier Tunnelfenstern, der auch als Unterkunft für die Arbeiter diente. Zugleich endet an dieser Stelle auch der Tunnelbauersteig und es beginnt die eigentliche Klettertour. Wir steigen durch das letzte Fenster wieder in die Wand aus und finden uns im steilen, schneebedeckten Gelände wieder. Von nun an galt es, mit Seil gesichert, von Standplatz zu Standplatz zu klettern.

Wir haben in der Zwischenzeit eine Höhe von 2500 Metern erreicht und geniessen eine fantastische Aussicht auf das Alpenvorland sowie den Eibsee, der etwa 1700 Meter unter uns liegt. Es war aber auch schon Mittagszeit und vor uns lagen noch knapp 500 Höhenmeter. Der lockere Pulverschnee hat uns etwas von unserem erarbeiteten Zeitpolster gekostet. Steigeisen sowie Pickel hätten uns bei diesen Bedingungen keine Vorteile gebracht, also blieben sie im Rucksack. Nach der Durchquerung eines steilen Schneefeldes am gleitenden Seil lagen noch die letzten beiden Ausstiegsseillängen vor uns. Die letzte Seillänge hat uns noch einmal richtig gefordert. Eigentlich eine wunderbare Kletterei im 3. Schwierigkeitsgrad, aber Schnee, Eis und keine Zwischensicherungen? Eine dreiviertel Stunde hat sie uns gekostet und wir sind froh, endlich am Zugspitzgrat auf 2680 Meter angekommen zu sein. Man könnte die letzten knapp 300 Höhenmeter auch auf diesem Grat klettern, aber die Erschließer wollten, dass die Route zurecht den Namen Eisenzeit trägt. Aber wo ist weit abseits des Tunnelbauersteigs nochmal Eisen zu finden? Ganz einfach. Seile dich zweimal ca. 40 Meter ab, dann bist du auf dem Höllentalklettersteig, etwa 300 Höhenmeter unter dem Gipfel. Da ist wieder genügend Eisen vorhanden. Und auf das kannst du dich verlasssen. Von tausenden Klettersteigbegeisterten jedes Jahr begangen und geprüft. Aber heute, zu dieser Zeit, sind ausser uns nur wenige unterwegs. Klettertechnisch sollte kein Problem mehr vor uns liegen, aber die Zeit ist uns etwas davon gelaufen. Halb drei Uhr ist es in der Zwischenzeit geworden und wir waren uns einig, dass für die letzten 300 Höhenmeter höchstens noch eine Stunde gebraucht werden durfte. Kathi hat das offensichtlich sehr ernst genommen. Sie übernahm von nun an die Führungsarbeit und legte ein wahnsinniges Tempo vor. Kaum zu glauben welche Kraftreserven sie zum Abschluss nochmal freilegen konnte.

So kam es, dass wir gegen halb vier Uhr auf dem Gipfel der Zugspitze standen. Wir konnten doch noch die letzten wärmenden Sonnenstrahlen dieses wunderschönen Tages geniessen und die obligatorischen Gipfelfotos schiessen. Leider mussten wir auch feststellen, wie extrem die Schneemassen des vorhergehenden Winters zusammengeschrumpft waren. Im April diesen Jahres standen wir an gleicher Stelle noch fast bis zur Hüfte im Schnee. Nicht ohne Grund wurde das für dieses Wochenende geplante Ski-Opening auf der Zugspitze verschoben. Gerade noch rechtzeitig konnten wir um 4 Uhr in der Bergstation die Tickets für die Zahnradbahn kaufen. Unser Plan war also voll aufgegangen. Etwas abgekämpft aber doch glücklich genossen wir die Talfahrt und waren uns einig, dass die Eisenzeit tatsächlich bald zu den Klassikern in den Ostalpen gehören wird. Wer sich näher für diese Tour interessiert, kann sich im Internet unter „www.bergsteigen.com/touren/klettern/bergfuehrerweg-eisenzeit-zugspitze/“ ausführlich informieren. Dort gibt es auch einen kurzen Dokumentarfilm über die Begehung der Route durch die Erschließer.

Katharina Gocke, Marco Bauer und Armin Landstorfer.