Großglockner Stüdlgrat

Großglockner über Stüdlgrat oder: „Ist das noch Gehgelände?“
Marcos Hochtourenkurs scheint Eindruck hinterlassen zu haben – jedenfalls ausreichend, um bei einigen Teilnehmern den Wunsch nach mehr aufkommen zu lassen. Bei einer Nachfrage möglicher, locker machbarer Touren, um nach dem Kurs mit eigenen Abenteuern „flügge“ zu werden, kam das Thema Großglockner auf den Tisch. Marco ließ sich dankenswerterweise leicht motivieren eine solche Tour zu begleiten. Naheliegend dabei, dass eine Besteigung natürlich nicht auf dem Normalweg erfolgen soll, sondern über den Stüdlgrat, der sich aus Südwesten auf den Gipfel zieht. Dieser ist benannt nach Johann Stüdl einem Prager Kaufmann und maßgeblichem touristischen Erschließer der Glockner- und Venedigergruppe.
So kam es, dass sich am 22.09.2018 drei Hochtourenbegeisterte am Lucknerhaus trafen um unter der Führung von Marco und Armin den anspruchsvollen Anstieg in Angriff zu nehmen. Bei durchwachsenem und bewölktem Wetter ging es zunächst noch gemächlich zur Stüdlhütte, welche wir nach knapp zwei Stunden erreichten. Dort erst einmal eingerichtet, war noch ausreichend Zeit, das kulinarische Angebot der Hütte auszukosten und den Wetterbericht für den Folgetag zu studieren.
Ersteres war schon nachmittags sehr lecker und ließ keine Wünsche mehr offen. Das Wetter hingegen gab mehr Grund zur Sorge. Vor allem der angekündigte starke Wind ließ uns zeitweilig an der Durchführbarkeit zweifeln. Marco und Amin waren jedoch zuversichtlich, dass wir auch bei nicht perfekten Bedingungen die Tour mit zwei Seilschaften meistern würden – schließlich ist der Stüdlgrat mit lediglich einer Stelle, die als IV- bewertet ist, ja quasi noch Gehgelände.
Unsere Sorgen zerstreuten dann aber das ausgezeichnete Abendessen mit einer Auswahl von drei Hauptgerichten und Salatbüffet (auf 2800 m!), die mit lokalen Spezialitäten versehene Weinkarte und der sich so anschließende gemütliche Hüttenabend. Also stärkte der Bauch den Optimismus und so ging es kurz nach 22:00 in Richtung Lager, schließlich sollte am nächsten Morgen der Wecker um 05:00 klingeln.
Allerdings brauchte diesen am nächsten Morgen keiner von uns, dank anderer Gipfelaspiranten, welche bereits um vier Uhr durch die Hütte polterten. Doch durch ein gutes Frühstück gestärkt, waren wir wie geplant um 06:00 Uhr startklar. So verließen wir die warme, gemütliche Hütte hinaus in die Dunkelheit, wo starke Windböen und quer kommender Nieselregen uns in Empfang nahmen. Davon unbeeindruckt folgten wir im Licht der Stirnlampen den Weg zum fast aperen Teischnitzkees. Über dieses steigen wir durch eine faszinierende Spaltenlandschaft zum Einstieg des Stüdlgrates auf 3320 Metern auf. Inzwischen war es hell und der Regen hatte glücklicherweise aufgehört. Die Wolken und der unangenehme Wind blieben uns jedoch für den Rest des Tages leider erhalten.
Davon wenig beeindruckt begannen wir den Aufstieg. Das Gelände wandelte sich bald in schöne Kraxelei. Die Nässe auf Tritten und Griffen und die Ausgesetztheit des Grates ließen die beiden Führer jedoch früher als angedacht die Seile aus dem Rucksack holen. So ließen sich die ersten „haarigen“ Passagen, um nicht zu sagen die erste und „schwerste“ Schlüsselstelle des Grates, meistern. Die Sage ging, das wäre die ärgste gewesen, ja danach komme nur noch reines „Gehgelände“.
Noch voll im Zeitplan erreichten wir gegen 09:00 Uhr das Frühstücksplatzerl auf 3550 Metern. Durch den anhaltenden Wind verspürte aber niemand großen Appetit, auch wenn wir uns kurz Träumereien über eine fantastische Aussicht hingaben.
Also nahmen wir die letzten gut 400 Höhenmeter umgehend in Angriff, immer dem Grat folgend – mal links, mal rechts davon, manchmal auch mitten darauf. Meistens jedoch mit einer beeindruckenden Portion Luft unter den Füßen, die allerding durch die tief hängenden Wolken meistens mehr zu erahnen, als tatsächlich zu sehen war.
Es stellte sich heraus, dass bis auf den Gipfel noch fünf weitere anspruchsvolle Stellen zu überwinden waren. Die genaue Definition eines anfangs verkündeten „Gehgeländes“ beschäftige einen kleinen Teil der Truppe während des ganzen Aufstieges. Denn es schien, als würde sich eine haarige Schlüsselstelle an die nächste reihen und dieses „Gehgelände“ also noch gehörig auf sich warten lassen.
Aber auch diese permanenten „Schlüsselstellen“ konnten nicht mehr verhindern, dass wir zwar angestrengt, aber zufrieden gegen 13:00 auf dem Gipfel angekommen waren. Wir gönnten uns dort einige Minuten Rast für eine kleine Brotzeit und Fotos. Die berühmte Aussicht von Österreichs Dachfirst mussten wir jedoch leider auf eine Folgetour verschieben.
Zum Abstieg machten wir uns dann über den Normalweg auf in Richtung Adlersruhe bzw. Erzherzog-Johann-Hütte. Auch dieser ist jedoch nicht von schlechten Eltern und verlangte an einigen Stellen nochmals beherztes Zupacken und Freude am „taloffenen Abklettern“. So gelangten wir über das Glocknerleitl zum Kleinglockner und über das Eisleitl, über welches uns Marco aus Zeitgründen kurzerhand abließ, über das Kleinglocknerkees zur Adlersruhe. Von dort waren einige Höhenmeter an einem versicherten Steig zum Ködnitzkees zu überwinden um dann die letzte Gletscherpassage des Tages in Angriff zu nehmen. Über einen blitzblanken Eiskörper ging es zwischen regelrechten Schmelzwasserbächen, welche uns den Klimawandel deutlich vor Augen führten, hindurch in Richtung Stüdlhütte. Aufgrund der inzwischen deutlich fortgeschrittenen Zeit nahm Marco es auf sich, die dort noch lagernde Ausrüstung zu holen, sodass der Rest etwas Weg abkürzen konnte. Wieder vereint machten wir uns über die Lucknerhütte auf zum Lucknerhaus, wo wir nach ca. 12,5 h Tour ankamen – zwar etwas geschafft, aber wohlbehalten und voller schöner Eindrücke und bereits mit großer Vorfreude auf kommende Unternehmungen!

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