Geschichte der Sektion Karlsbad

„Tradition ist nicht das Halten der Asche
sondern das Weitergeben der Flamme“
(Thomas Morus)


Die Geschichte der Sektion Karlsbad spiegelt die Geschichte Europas des letzten Jahrhunderts. Gegründet 1902 im österreich-ungarischen Karlsbad, welches ab 1919 im neuen tschechoslowakischen Staat liegt. 1938 wird  Böhmen und damit Karlsbad Hitler-Deutschland zugesprochen, um schließlich  nach dem Krieg erneut tschechisch zu werden. Flucht und Vertreibung zerstreuen die Mitglieder über ganz Deutschland. Der Sektionssitz verbleibt zunächst beim Hauptverein in München. Seit 2003 ist Tirschenreuth  Sitz der Sektion Karlsbad.

Die Besteigung des Mont Ventoux (1912 m) in der französischen Provinz im April 1336 durch den italienischen Dichter Petrarch „einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen“ wird heute von vielen als Beginn des touristischen Bergsteigens eingeschätzt; Markiert sie doch gleichzeitig den Übergang eines mittelalterlich geprägten Denkens hin zu einem humanistischen Denken, welches den Mensch in den Mittelpunkt rückt und die Natur und die Berge entdämonisiert.

Zunehmender Bergtourismus führt im 18. Jahrhundert zur Gründung von Bergsteiger-vereinen zum Zweck des  Erfahrungsaustauschs (1857 British Alpine Club), zur Förderung des Bergsteigens durch Vorträge und Schriften (1862 Österreicher Alpenverein) oder zur Förderung des Tourismus durch Hütten- und Wegebau und Entwicklung des Führerwesens (Deutscher Alpenverein 1869 in München). Die dezentral organisierten Sektionen des Deutschen Alpenvereins suchen sich  Arbeitsgebiete  in den Alpen, in denen zur touristischen Entwicklung Hütten- und Wegebau vorangetrieben werden. Österreicher und Deutscher Alpenverein vereinigen sich 1873 zum DuOeAV.

1870 entsteht auf Betreiben von Johann Stüdl die Sektion Prag als erste in Böhmen.

1902 gründet sich in der Stadt Karlsbad (Karlovy Vary) die Sektion Karlsbad aus jungen Karlsbader Bergsteigern der Sektion Prag und ist damit die 270. Sektion des  DuOeAV.

Die Gründung einer eigenen Sektion haben am 15.09.1901 im Hotel Post/Karlsbad Karl Schöttner, Franz Fischer, Paul Schöttner, Wendelin Klemm, Laurenz Hochseeder, Ernst Fickert, Eduard Wobisch, Rolf Grimm, Ernst Baumgärtl, Josef Hofmann, Gustav Kutschera und Julius Stadler beschlossen. Am 19.11.1901 wird bei einem weiteren Treffen von 24 Bergsteigern (u.a. Franz Höllerer, Leiter der Gruppe Karlsbad der Sektion Prag) die Gründung vorbereitet.  Am 16.02.1902 wird die konstituierende Sitzung abgehalten und Karl Schöttner zum Obmann (1. Vorsitzender) gewählt.

karl_schöttnerDer Luxus eines Bergtourismus und die Mitgliedschaft in einer Alpenvereinssektion ist in dieser Zeit überwiegend dem Bildungsbürgertum und den oberen Gesellschafts-schichten vorbehalten. Im Gegenzug trägt die Gründung der „Naturfreunde“ 1895 in Wien den Bedürfnissen der Arbeiterschaft nach Bewegung in der Natur Rechnung.

Die politische Ordnung Europas und territoriale Zugehörigkeit ist um die Jahrhundertwende  von den Großmächten Europas bestimmt. Böhmen und damit Karlsbad  sind seit 1867 Teil des Vielvölkerstaatsgebildes der k. u. k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Ende 1905 zählt die Sektion 128 Mitglieder. Das Erzgebirge ist häufiges  Ziel von Unternehmungen und wird in Artikeln und Vorträgen beworben. Am 28.06.1906 erwirbt die Sektion die Leitmeritzer Hütte, eine Schutzhütte ohne Bewirtschaftung, im Laserzkessel in den Lienzer Dolomiten gelegen, von der Sektion Teplitz und benennt sie um in „Karlsbader Hütte“. Die Sektion hat damit ihr Arbeitsgebiet, die Lienzer Dolomiten gefunden. Wege werden ausgebaut (Lienz/KB-Hütte, KB-Hütte/Kerschbaumer Törl, KB-Hütte/Hochstadel), die Hütte erweitert und das Laserzgebiet in vielen Artikeln beworben. Ein Lichtbildvortrag geht auf Reisen, das Erscheinen des ersten Gebietsführers „Lienzer Dolomiten“ von Patera wird  unterstützt.

1911 bilden sich in Weipert (Vejprty) und in Saaz (Zatec) Untergruppen mit  34 bzw. 30 Mitgliedern.

Von 1914 bis 1919 kommt die Vereinstätigkeit wegen des Ausbruchs des ersten Weltkriegs, dem 12 Mitglieder zum Opfer fallen, zum Erliegen. Mitgliederstand Ende 1919: 193.

Durch die Neuordnung Europas nach dem ersten Weltkrieg findet sich die Stadt Karlsbad 1919 im neu gegründeten tschechoslowakischen Staat wieder. Der von der neuen Regierung verlangte Austritt aus dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein wird vollzogen, der neue Verein nennt sich nun „Deutscher Alpenverein Karlsbad“. Mit den anderen Alpenvereinssektionen im neuen Staatsgebiet wird der „Verband der deutschen Alpenvereine in dem tschechoslowakischen Staate“ gegründet.

1922 bildet sich in Graslitz (Kraslice) eine neue Untergruppe. Mitgliederstand 486.       1923 gründet sich eine Skiabteilung.

1928 erwirbt die Sektion ein Berg- und Wintersportheim in Gottesgab (Bozi Dar) am Kamm des Erzgebirges. Mitgliederstand: 604.

1930 verstirbt Franz Höllerer, Ehrenmitglied der Sektion Prag und Förderer der Sektion Karlsbad.

1938 wird im Rahmen der Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler das mehrheitlich von Menschen deutscher Sprache bewohnte westliche Grenzgebiet der Tschechoslowakei durch das Münchner Abkommen dem Deutschen Reich zugesprochen. 1939 annektiert Hitler den tschechischen Reststaat. Mit der territorialen Zugehörigkeit zum Deutschen Reich ist für die Karlsbader Sektion die Mitgliedschaft im Deutschen Alpenverein mit Sitz in Innsbruck und für den gesamten Alpenverein die Eingliederung in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen verbunden. Es folgt die Umbenennung in „Deutscher Alpenverein Zweig Karlsbad e.V.“

Die hegemoniale Politik eines durch den Nationalsozialismus verblendeten Deutschlands stürzt die Menschen in den Zweiten Weltkrieg. An dessen Ende werden die meisten im wiedergegründeten tschechoslowakischen Staat wohnenden Deutschen zwangsweise ausgesiedelt und finden sich zumeist in Deutschland und Österreich wieder.

Am 23.12.1946 stirbt Karl Schöttner in Bamberg. Er prägte seit der Gründung entscheidend die Sektion über mehr als drei Jahrzente durch sein Engagement und in seiner Funktion als Obmann und Hüttenwart.

Im Nachkriegsdeutschland wird der Deutsche Alpenverein als nationalsozialistische Organisation von den alliierten Siegermächten zunächst verboten, 1950 gründet sich der Deutsche Alpenverein neu.

Die deutschen Schutzhütten in Österreich, also auch die Karlsbader Hütte, werden von den Alliierten beschlagnahmt und dem österreichischen Alpenverein zur treuhänderischen Verwaltung übergeben.  Mehrere Sektionen bemühen sich um die Karlsbader Hütte. Die Bemühungen der Sektion Lienz und vor allem von Rudl Eller, dem Lienzer Vertrauensmann der Sektion, um die Betreuung der Hütte führen zum Erfolg. Aus diesem Grund wird eine „Gruppe Karlsbad“ innerhalb der Sektion Lienz im Mai 1951 gegründet. Zur Gründungsveranstaltung sind auch Mitglieder der Sektion Karlsbad eingeladen. Es reisen u.a. Dr. Heinrich Zinke und Ernst Zimmer aus Deutschland an.

Am 10. Juni 1951 findet in München in der Gastwirtschaft „Zum Spöckmeier“ die erste Hauptversammlung der Sektion (17 Teilnehmer) nach dem Krieg statt. Der Bericht von Zinke und Zimmer über den Wiedergewinn der Karlsbader Hütte als ein Stück der alten Heimat hat für die aus ihrer Heimat vertriebenen eine tiefe Bedeutung. Es wird die Sitzverlegung von Karlsbad nach München beschlossen und  am 26. Juni 1951 wird die Karlsbader Hütte an den Alpenverein Innsbruck übergeben. Ende 1951: 60 Mitglieder.

Am 26. Juni 1957 wird die Karlsbader Hütte wieder dem Deutschen Alpenverein Karlsbad e.V. mit Sitz in München rückübereignet.

Die 70er, 80er und 90er, sowie das erste Jahrzehnt im neuen Jahrtausend stehen im Zeichen des Um- und Ausbaues, sowie der Modernisierung der Karlsbader Hütte. Neue Klettersteige und Klettertouren rund um die Hütte entstehen.

Im Mai 2002 findet in Tirschenreuth die 100-Jahrfeier statt. Die dazu veröffentlichte Festschrift können sie hier lesen.

2003 wird der Sektionssitz von München nach Tirschenreuth verlegt. Mimi Totzauer, die 43 Jahre die Geschäftsstelle geführt hat, stirbt.

2005 Bau der Kletterwand in der Dreifachturnhalle am Stiftlandgymnasium.

Im März 2010 verunglückt Alfred Thenius, Ingenieur, Vertrauensmann und Ehrenmitglied der Sektion 88-jährig.

Aus einer Sektion, die vor vielen Jahren im heutigen Karlovy Vary gegründet wurde, ist heute eine „ganz normale“ Alpenvereinssektion geworden, die jedem Bergbegeisterten ihre Gemeinschaft anbietet. Der Rückblick auf eine über hundert Jahre alte, wechselvolle Geschichte bietet die Gelegenheit, zu verstehen und daraus zu lernen. Viel von dem, was die Menschen einst trennte, ist heute Vergangenheit. Grenzen zu ziehen, Ursache vielen Leids, gehört innerhalb eines friedlichen, vereinten Europa der Vergangenheit an.

Michael Schornbaum