Wilde Leck Ostgrat

Wilde Leck Ostgrat
Eine Gemeinschaftshochtour in den Stubaier Alpen
Das vermutlich schönste Wochende des Jahres wollten wir keinesfalls ungenutzt vergehen lassen. Also machte ich mich am Samstag den 14.10.2017 am frühen Morgen zusammen mit Marco Bauer auf den Weg nach München, um dort unsere beiden Begleiter Katharina (Kathi) Gocke und Fabian Hofweller -beide Mitglieder der DAV Sektion München- aufzunehmen.
Fabian schildert in seinem Bericht, wie es zu dieser Tour gekommen ist, wie er die Tour erlebt hat und was er so von uns Oberpfälzern hält…            

(Armin Landstorfer)

 


Oberpfalz. Als gebürtiger Oberfranke sind wohl Zoiglstuben und der markante Dialekt meines aus Mitterteich zugereisten Banknachbarn in der Oberstufe auf dem Gymnasium in Wunsiedel die ersten Dinge, die mir dazu einfallen. Vermutlich waren das auch meine ersten Gedanken, als ich auf einer bestens bekannten Onlineplattform im Januar 2017 mit Marco Bauer in Kontakt kam. Anspruchsvolles Bergsteigen gehörte wohl jedenfalls nicht zu den beherrschenden Assoziationen im Hinblick auf die Oberpfalz. Vorab: Ich habe mich gewaltig getäuscht.
Über Monate hinweg tauschten wir uns rege aus und fassten schon das ein oder andere Ziel ins Auge, geklappt hat es jedoch nie so Recht. Sei es aufgrund des Wetters, das sich in diesem Jahr als besonders launisch präsentierte, oder aufgrund eines Terminkalenders, der noch launischer war und sich kaum freie Fenster abtrotzen lassen wollte. Ende September dann sollte es endlich besser werden. Ziele wurden besprochen, Pläne gemacht, Termine gesucht. Der Ortler sollte es sein, über den Hintergrat. Sollte das nicht klappen, dann ab ins Ötztal zur Wilden Leck über den Ostgrat. Beides recht ausgiebige Unterfangen, aber wir hatten ja auch kein Wellnesswochenende geplant. Die Hütten hatten alle bereits geschlossen, so stellten wir uns bereits auf eine durchaus anspruchvolle Tour von Sulden nach Sulden in einem Zug ein. Glücklicherweise konnten wir nach einiger Recherche herausfinden, dass die Leitern, die über die imposanten Spalten auf dem Ortlerferner auf dem Normalweg des Ortlers führen, abgebaut wurden. Wir sahen uns schon bei Einbruch der Dunkelheit durch den recht unübersichtlichen Gletscher schlossern, beschlossen dann aber das Projekt zu vertagen und uns stattdessen der Wilden Leck zuzuwenden. Samstag wollen wir zum Winterraum der Amberger Hütte, am Sonntag dann rechtzeitig den ausgiebigen Zustieg angehen, um bei Sonnenaufgang in den Grat einzusteigen. Armin und Kathi sollten uns begleiten. Marco und Armin würden am Samstagmorgen aus Mitterteich aufbrechen und Kathi und mich in München aufgabeln. Das klappte bestens und so saßen wir gut gelaunt bei absolut bestem Wetter im Auto Richtung Grieß im Ötztal.
Fast angekommen, sagten wir kurz noch bei Freunden von Marco Hallo, kauften Verpflegung und Bier und suchten dann am Parkplatz unsere Ausrüstung zusammen, die wir zügig verstauten und uns endlich auf den Weg zur Amberger Hütte machten. Über Serpentinien ging es nun bei bestem Wetter ins schöne herbstliche Tal hinein unserem Hauptquartier für die geplante Tour entgegen.
Abgesehen von dem Mehrgewicht unseres „Schlummertrunkes“, der abwechselnd geschleppt wurde, war ohne nennenswerte Strapazen nach 90 Minuten die Amberger Hütte erreicht. Ursprünglich hofften wir, den Winterraum für uns alleine zu haben, sahen das aber ob des Kaiserwetters schlussendlich als unwahrscheinlich an. Umso erstaunter waren wir dann, als wir lediglich 3 weitere Gäste feststellten – jedoch nicht ansatzweise so erstaunt, wie diese dreinblickten, als sie unser Bier und später den Rotwein von Armin sahen. Kaum zu glauben, dass diese gut gelaunten Vier nur einen Abend und eine Tour geplant hatten. Mit jeweils einer Dose Bier in der Hand genossen wir das letzte Licht vor der Hütte und gesellten und alsbald nach innen, wo wir uns in lustiger runde stärkten, Geschichten austauschten und gespannt und voller Vorfreude die morgige Tour nochmal durchgingen. Gegen halb 10 war dann Ruhe, schließlich sollte es um halb 4 aus den Federn und um 4 aus der Hütte gehen.
03:25 Uhr. Der Wecker dröhnt. Gefühlt sind alle schon länger wach bzw. waren nie wirklich eingeschlafen. Wir bereiten Tee, frühstücken kurz und marschieren los. Zunächst geht es flach und geradeaus weiter ins Tal hinein ehe das Gelände aufsteilt und wir uns nördlich halten. Über Moränenlandschaften geht es in völliger Dunkelheit dem Leckferner – oder dem, was davon noch übrig ist – entgegen. Ab etwa 2800m liegt nun auch Schnee, der mit zunehmender Seehöhe auch tiefer wird. Soweit nicht ungewöhnlich für Mitte Oktober, jedoch hatten wir ob der warmen Tagestemperaturen der letzten Tage auf einen möglichst schneefreien Grat gehofft. Am Ferner angekommen, seilen wir an und Marco spurt los. Spätestens jetzt denke ich mir, vor wem die anderen denn fliehen. Das Tempo ist flott, konditionell legen die ganz schön vor. Normalerweise lasse ich es um diese Uhrzeit langsamer angehen. Ich überlege kurz, ob ich die letzten Wochen zu wenig gemacht habe, oder ob die Idee, Bier mit auf die Hütte zu schleppen, vielleicht nicht so gut war, verwerfe den Gedanken aber, da Marco weiter richtig Gas gibt. Nach etwa 25 Minuten verschwindet das Seil wieder im Rucksack, wir deponieren unnötiges Material und kraxeln über ein steiles Geröllfeld in der aufgehenden Sonne dem Einstieg entgegen.
Das Bild, das sich jetzt bietet, ist unbeschreiblich. Der Fels leuchtet beinahe golden, Schnee und Eis glitzern während die Sonne sich langsam erhebt.Das Gelände steilt jetzt weiter auf und wir kraxeln von der perfekten Kulisse beeindruckt los. Wir sprechen ab, dass wir, sobald einer sich mit Seil wohler fühlt, zwei Zweierseilschaften bilden, Marco und Kathi sowie Armin und ich. Es geht jetzt über mehrere Aufschwünge ordentlich nach oben. Auf der Gratkante liegt fast kein Schnee, nur sobald wir nordseitig queren sinken wir teilweise ordentlich ein. Als wir zu einer ausgesetzten glatten Platte kommen, meint Kathi, dass ein Seil jetzt nicht übel wäre.

Marco und sie binden sich ein und Marco verkürzt das Seil auf etwa 15-20m. Armin und ich tun es Ihnen gleich. Zunächst klettern wir am gleitenden Seil und sichern durch geschickte Schlenzer über Kanten oder über Köpflschlingen. Das klappt recht komfortabel und wir kommen rasch und sicher voran. Bei bestem Wetter arbeiten wir uns Stück für Stück nach oben. Die Handschuhe verschwinden im Rucksack, der Fels ist herrlich griffig und fast schon warm. Der Grat steilt unterdessen weiter auf und wird zunehmend schmaler. Ganz schön ausgesetzt. Wir bewegen uns jetzt im oberen IIIer Gelände, durchsetzt von mehreren Stellen im IV. Grad. Armin und ich klettern jetzt zunehmend von Stand zu Stand, das erscheint uns sicherer und auch komfortabler. Freilich sind wir am gleitenden Seil auch nicht derart eingespielt wie Marco und Kathi, die bereits einige Touren zusammen unternommen haben. Die Verhältnisse sind bestens, die Tour an sich ist super zu klettern. Ohne Anspruch ist sie dennoch nicht. Ich denke an den Stüdlgrat, den ich im Sommer mit einem Kameraden während eines Schneesturmes bei – sagen wir mal – recht bescheidenen Verhältnissen in einer Saukälte gemacht haben. Zwar waren dort die Verhältnisse schlecht und der Grat ist viel länger als der Ostgrat der Wilden Leck, insgesamt im Hinblick auf die klettertechnischen Schwierigkeiten und die Absicherung aber nicht zu vergleichen. Während am Großglockner die Route durch Haken aller Art und an zwei Stellen sogar mit fixen Seilen aufwartet, so ist der Grat hier deutlich schwerer und im Hinblick auf vom Menschen angebrachtes Material fast schon jungfräulich. Bohrhaken sind nur ganz vereinzelt zu finden, die Absicherung erfolgt fast ausschließlich selbst und mobil – ein echtes hochalpines Stück Arbeit und Abenteuer. Aber wie schon zu Beginn: Niemand hatte was von Wellness gesagt.

Wir sind seit dem Einstieg nun etwa 2 Stunden unterwegs (seitdem uns der Wecker aus dem Schlaf geprügelt hat etwa 5 Stunden) und wir sind noch lange nicht oben. Während das Gipfelkreuz schon lange sichtbar ist, geht es Seillänge um Seillänge aufwärts. Mal wird gequert, mal ein Turm umgangen, mal an einer Platte nach oben gezogen. Wunderbar abwechslungsreich und durchgehend belohnt von beeindruckenden Tief- und Weitblicken. Der Blick zurück über den bereits bewältigen Teil des Grates schweift über hellbraun-goldene Schandarme, die in der Sonne leuchten und über weite weiße Gletscher, die von gewaltigen Spalten zerrissen sind. Außer uns Vieren weit und breit Niemand. Die drei Bergsteiger aus dem Winterraum hatten ohnehin ein anderes Ziel, aber auch ansonsten hatte sich trotz des genialen Wetters niemand hierher aufgemacht. Manchmal lassen sich blasse Spuren im Firn erahnen. Hier war seit Ewigkeiten niemand mehr eingestiegen. Nach etwa 3 Stunden steigt Armin die vorletzte Seillänge vor, während ich ihn vom letzten Stand aus in die Kameradensicherung nehme. Es geht fast senkrecht nach oben zwischen wunderbar aber nicht ohne Anstrengung zu kletternden Kanten und Verschneidungen. Ich bin froh in Armin einen erfahrenen und souveränen Seilpartner zu haben. Ich klettere zügig nach, die Arme merke ich mittlerweile ganz schön. Man muss hier schon an einigen Stellen beherzt zupacken, dass man da hochkommt. Nach einer weiteren, sehr kurzen Seillänge, die direkt am Gipfelkreuz endet, stehen wir oben. Marco und Kathi haben es sich bereits gemütlich gemacht und Marco hat schon Schnee geschmolzen und Tee gemacht. Berg Heil, sagen wir. Wir genießen die wahnsinnige Aussicht und sind bester Laune.

Wir schießen die obligatorischen Gipfelfotos, stärken uns und stellen uns auf den nicht zu unterschätzenden Abstieg ein. Ich hatte vorher gelesen, dass der Abstieg über den Normalweg seinem Namen absolut nicht entspricht. Ernstgenommen hab ich das nicht bzw. nicht genug. Pech, denn das stimmt. Marco geht vor. Auf die Frage, wie es da aussieht, sagt er nur „nicht so toll“. Danke dafür. Es geht nun über eine ausgesetzte, glatte Platte ein Stück nach unten und von dort eigentlich geradewegs nach oben. Man sieht oben einen Bohrhaken in der Sonne blitzen. Blöd nur, dass der Fels in diese Richtung komplett im Firm verborgen ist und ein Durchkommen kaum möglich ist. Marco, der die Tour kennt, entscheidet sich für einen anderen Weg. Entlang eines abdrängenden Blocks geht es ein Stück nach unten geradewegs in die Nordwand, die wir nun um den Gipfelaufschwung des Normalwegs queren. Ganz schön steil, ganz schön ausgesetzt, und vor allem: Ganz schön eingeschneit. Nach der Querung geht es wieder Richtung Grat ein Stück nach oben. Armin und ich benötigen für diese Passage eine gefühlte Ewigkeit, da er bereits auf der anderen Seite der Gratkante ist und wir deshalb nicht wirklich kommunizieren können und mir zu allem Überfluss zwei Mal eines meiner Steigeisen vom Schuh springt. Auf der Kante hat Marco an einem Haken bereits eine Abseilpiste eingerichtet, auf der wir etwa 30m abseilen, wo Marco und Kathi bereits in der Sonne liegend warten. Während des Abseilens löst sich abermals mein Steigeisen. Ich fluche laut, das nervt jetzt langsam. Allen ist klar, dass wir jetzt Meter machen müssen. Mit wechselnden Partnern geht es nun ein Stück auf dem ausgesetzten Grat nach oben und alsbald in eine lange Schneerinne, die wir schnell und vergleichsweise angenehm absteigen. Wir kommen zu einem Abbruch in der Nähe des ehemaligen Weges durch die Südwand, der zu einer langen, steilen Firnrinne führt. Marco richtet mittels Schlingen Fixpunkte ein und lässt einen nach dem anderen zwei komplette Seillängen ab. Er selbst klettert ab. Wobei Abklettern hier definitiv der falsche Begriff ist. Rennen bzw. Gleiten trifft es eher. Ganz schön fit dieser Oberpfälzer mit der ausgeprägten Schwäche für Zigaretten. Endlich verlassen wir nach seit dem Einsteig etwa 7 Stunden reiner Kletterzeit das Absturzgelände, bilden eine Viererseilschaft und gehen zügig den Gletscher nach unten. Wir nehmen unser deponiertes Material auf und wandern Stück für Stück der schneefreien Zone entgegen. Wir gelangen wieder zu den Moränenlandschaften und sind erstaunt, wie lange sich das jetzt zieht. Wir hatschen eine gefühlte Ewigkeit Richtung Amberger Hütte, während sich der Tag so langsam dem Ende neigt. Endlich an der Hütte angekommen, nehmen wir unseren Müll und unsere zurückgelassene Ausrüstung auf und begeben uns auf den Abstieg ins Tal. Die Sonne ist weg und es ist schon stockdunkel, als wir das Auto erreichen. Nur ganz kurz etwas bequemeres anziehen und schon rollen wir Richtung Heimat. Wir müssen schließlich heute noch mindestens nach München, Armin und Marco sogar zurück nach Mitterteich. Nach etwa zwei Stunden werfen die beiden Kathi und mich in München raus. Ich schleppe mich zur U-Bahn und bin froh, bald im Bett zu liegen.

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass es eine gewaltige Tour bei absolut genialem Wetter und in bester Begleitung war. Wir hatten eine Mordsgaudi in allen Belangen. Es war absolut großartig mit Euch!

Fabian Hofweller
DAVS München

 

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